„Die Schule muss zu kritischem Denken erziehen.“
Drei Veranstaltungen mit dem Zeitzeugen Sally Perel am OSZ Handel 1
Angesichts der Zunahme der rechten Straftaten auf 11 000 im Jahr 2011, den Morden an zehn Menschen türkischer und griechischer Herkunft und die Zunahme der gewaltbereiten Neonazis, die „zunehmend neonationalsozialistisch politisiert“ sind (Tagespiegel vom 8.12.2011), ist die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus besonders wichtig. Dazu leistet der Zeitzeuge Sally Perel, der das OSZ Handel 1 nun schon etwa 40 Mal besucht hat, einen hervorragenden Beitrag.
„Zeitzeugen sind die besten Geschichtsbücher“ – mit diesem Ausspruch beginnt Sally Perel seinen zweistündigen Vortrag. Der Jude Perel überlebte den Holocaust mit seiner zweiten Identität Josef Peters mitten in der Hitler-Jugend. In langer Tradition hat der Fachbereich Wirtschafts- und Sozialkunde diesen Zeitzeugen mit seiner wohl einzigartigen Biografie als Jude, Komsomolze, NS-Soldat, Hitlerjunge und „freidenkender Israeli“ (Perel) an das OSZ Handel eingeladen. Finanziell unterstützt wurde die Veranstaltung dankenswerterweise von der Friedrich Naumann Stiftung. Begleitet wurde sie vom 16.11.2011 bis zum 4.1.2012 durch die Ausstellung „Der gelbe Stern“.
Am 6.,7. und 8. Dezember 2011 lauschten über 1300 SchülerInnen den fesselnden Ausführungen von Sally Perel, nachdem sie vorher den Film „Hitlerjunge Salomon“, der auf den Lebenserinnerungen Perels basiert, gesehen hatten. Eindrucksvoll waren seine Erinnerungen an die Schulzeit. Nach dem Beschluss der Nürnberger Rassegesetze 1935 war er in seiner Heimatstadt Peine im Alter von zehn Jahren zum Direktor gerufen worden, der ihn dann als Jude von der Schule verwies. Dieses traumatische Ende seiner Kindheit ist für den heute 85Jährigen immer noch eine „offene Wunde“. Später in der HJ-Schule in Braunschweig musste er die Absurdität der Rassenkunde miterleben und erfahren, wie die Jugendlichen mit der NS-Ideologie vergiftet und zum Hass erzogen wurden. Obwohl er aus einer religiösen Rabbinerfamilie stammt, habe ihn diese systematische Gehirnwäsche im Unterbewusstsein bis heute beeinflusst. Damit solch ein Rassismus heute nicht wieder Fuß fassen könne, müsse die Schule die Jugend zu kritischem Denken erziehen.
Besonders berührend war die Beschreibung seiner Verzweiflung bei dem vergeblichen Versuch, in eine HJ-Uniform gekleidet aus der Straßenbahn heraus seine geliebte Mutter im Ghetto von Lodz zu finden. Die schrecklichen Bilder von den Leichen und den abgemagerten Juden im Ghetto verfolgen ihn bis heute.
Perel fordert alle Zuhörer auf, einmal im Leben Auschwitz zu besuchen und vor dem Hintergrund der sechs Millionen ermordeten Juden , der eine Million vergasten Kinder und der „Tränen der jüdischen Säuglinge“ sich gegen die Holocaust- Leugner und Neonazis zu engagieren. “Ich wünsche mir, neue Zeitzeugen in euch zu hinterlassen, die die Wahrheit weitergeben. Es gibt nichts Schöneres, als für die Wahrheit zu kämpfen.“ Nach dem Vortrag fragten einige Schüler nach seinem Bruder, seiner Beziehung zu Gott und dem Verhalten des deutschen Staates angesichts der Zunahme des Neofaschismus in Deutschland. Perel kritisierte die fehlende Aufarbeitung des Nationalsozialismus und die personelle Kontinuität in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg, Angesichts der von Rechtsradikalen verübten Morde hält er ein NPD-Verbot für sinnvoll. „ Polizei und Justiz dürfen nicht mehr auf dem rechten Auge blind sein.“ In der Diskussion problematisierten einige Schüler die Haltung Israels im Nahostkonflikt. Perel, der ein engagierter Vertreter der Friedensbewegung ist, spricht sich für eine Zwei-Staaten-Lösung und einen gerechten Frieden zwischen Israelis und Palästinensern aus. Dazu müsse Israel sofort mit den Siedlungen in der Westbank aufhören und Ost-Jerusalem als Hauptstadt eines palästinensischen Staates akzeptieren. Sally Perel wünscht sich eine Versöhnung zwischen beiden Völkern und beendete seinen Vortrag mit dem Friedensgruß: „ Schalom“ (hebräisch) und „Salam“ (arabisch).
In der Aufmerksamkeit der Schüler während der lebendigen Erzählungen und der eindringlichen Appelle ebenso wie in den langen Schlangen der Schüler, die das frisch gekaufte Buch „ Ich war Hitlerjunge Salomon“ signiert haben wollten, wurden das Interesse und die Sympathie der Schüler für diesen faszinierenden mittlerweile 86jährigen Mann deutlich – und deutlich wurde auch, dass Zeitzeugen die besten Geschichtsbücher sind.