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Besuch beim Aufbau Verlag

Besuch beim Aufbau Verlag 2018

Er ist eine liebgewonnene Tradition für alle Buchhändlerklassen: der Verlagsbesuch am letzten Tag eines jeden Schulhalbjahres. Diesmal führte der Weg zum Moritzplatz, wo seit 2011 der
 Aufbau Verlag im nach ihm benannten Aufbau Haus residiert. Dass in Wahrheit eine ganze Verlagsgruppe in dem modernen Kreuzberger Kreativhaus untergekommen ist, darauf wies Vertriebsleiter Andreas Krauß seine Besucher zu Beginn hin. Neben dem Aufbau Verlag selbst gehören Rütten & Loening, Blumenbar, Die Andere Bibliothek und die Edition Braus dazu, außerdem Aufbau Taschenbuch sowie Aufbau Audio.

Einen Abriss der bewegten Aufbau-Geschichte ließ Krauß folgen. Das ambitionierte Ziel des 1945 nur wenige Monate nach Kriegsende gegründeten Verlags war der Aufbau der Demokratie mithilfe von Literatur – so kam es zum Namen. Einer der Gründer damals und späterer Geschäftsführer: Klaus Gysi, Vater des Politikers Gregor Gysi, der wiederum dem Verlag im vergangenen Herbst mit seiner Autobiographie „Ein Leben ist zu wenig“ einen Erfolg der jüngeren Vergangenheit bescherte – und damit gleichzeitig den familiären Kreis schloss.

 

Als größter belletristischer Verlag der DDR beschäftigte Aufbau einst rund 300 Mitarbeiter, heute sind es etwa 50. Ein Fokus lag von Beginn an auf deutscher Exilliteratur, von Heinrich Mann, Anna Seghers oder Bertolt Brecht, ab den 1960er-Jahren zudem auf Werkausgaben von Goethe, Heine oder Fontane, aber auch von internationalen Autoren wie Mark Twain oder Honoré de Balzac. Den späteren Nobelpreisträger Gabriel García Márquez entdeckte Aufbau 1966 für den deutschen Markt.

 

Große Erfolge der Nachwendezeit wurden Donna Cross' Roman „Die Päpstin“ mit mehr als fünf Millionen verkauften Exemplaren und zuletzt Gysis Autobiographie. Nicht viel Werbung habe man für dieses Buch machen müssen, erzählte Andreas Krauß und freute sich über die „Rampensau“ Gysi, die nicht nur im ehemaligen Osten Leser gefunden habe, sondern auch in Süddeutschland oder der Schweiz. Die wenigsten Autoren seien so bekannt und telegen wie Gysi, so Krauß, in der Regel müsse die Presseabteilung des Verlags fleißig Medien anschreiben und für Bücher werben. Mitunter gebe es sogar TV-Tests, um auszuprobieren, wie gut jemand im Fernsehen „funktioniere“.

Besuch beim Aufbau Verlag

Für Constanze Bichlmaier war der Tag des Buchhändlerbesuchs ein ganz besonderer, nämlich nach einem anderthalbjährigen Volontariat bei Aufbau der erste offizielle Arbeitstag als Lektorin des Verlags. Sie erzählte von ihren Aufgaben und vom Werdegang eines Buches: Zunächst würden Manuskripte gesichtet, dann – wenn nötig – Übersetzer gesucht und Verträge geschlossen, anschließend beginne die Arbeit am Text, intern „Redaktion“ genannt. Mehrfach wechselt das Manuskript dann zwischen Lektorat und Autor hin und her, vieles wird telefonisch besprochen. Erst geht es um die Geschichte selbst und die Figuren, später um sprachliche Feinheiten, den „letzten Schliff“. Am Ende wird die sogenannte Druckfahne im Verlag durch die finale Korrektur geschickt.

 

In der Regel betreue man als LektorIn ein Buch alleine, so Bichlmaier, zwei bis drei Redaktionen würden so pro Monat zusammenkommen. Dafür müsse man sich gut organisieren können, um den Überblick über die parallel laufenden Projekte zu behalten. Zudem lese man sehr vieles, was nie erscheint: Aus rund 20 gesichteten Manuskripten gehe im Durchschnitt ein Buch hervor.

Constanze Bichlmaier, die bei Aufbau für Unterhaltungsliteratur zuständig ist, hatte zum Thema Covergestaltung eine Auswahl verschiedener Ausgaben von Carola Dunns „Miss Daisy“-Romanen mitgebracht. Die „Cosy Crimes“ spielen im England der 1920er-Jahre und verbinden Spannung mit „emotionaler Unterhaltung“. Die BuchhändlerInnen diskutierten mit der Lektorin über Zielgruppen-Marketing und staunten darüber, wie unterschiedlich man ein und denselben Titel vermarkten kann – allein durch dessen äußere Aufmachung.

 

„Marketing“ war auch das Stichwort für Annika Joscht, die sich als Label-Managerin bei Aufbau unter anderem um Werbekampagnen und die Vorschaugestaltung kümmert. Sie warb vor allem für das Titelinformationssystem VLB-TIX, mit dessen Hilfe ihr Verlag seine Vorschauen seit drei Jahren digital und multimedial präsentiert. Geänderte Erscheinungstermine oder Ladenpreise könnten auf diese Weise viel unkomplizierter kommuniziert werden, so Joscht, außerdem ließen sich über die Plattform auch Werbemittel bequem bestellen. Trotzdem würden die meisten BuchhändlerInnen weiterhin auf die Printvorschauen schwören, Joscht wollte wissen warum. Einer der Gefragten vermutete: Wer gedruckte Bücher liebt, dem sind auch gedruckte Vorschauen näher.

 

Doch die Verlage geben nicht auf, fürs Digitale zu werben. So ist Aufbau etwa Teil von NetGalley, einer Plattform, auf der Buchhändler Leseexemplare von Novitäten abrufen können – als E-Books. Und mit einem VLB-TIX-Stammtisch versucht man, Interessenten von den Vorzügen digitaler Vorschauen zu überzeugen. Diskutiert wurde am Moritzplatz aber auch über den Trend zu glatten Europreisen, den man bei Aufbau für literarische Titel durchaus für sinnvoll hält.

 

Am Ende eines äußerst informativen Vormittags öffnete sich für die BuchhändlerInnen noch die Tür zu ihrem ganz persönlichen Paradies, einem Tisch voller Leseexemplare: Mit Neuerscheinungen des Aufbau Verlags (und dem Halbjahreszeugnis) in der Tasche konnten die Ferien getrost beginnen.

 
März 2018 - Text und Fotos: Kaspar Heinrich, Klasse 2641