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Praxisseminar 2017: Wie entsteht ein Buch?

ZLB Potsdam
ZLB Potsdam

Wie entsteht ein Buch? Was ist dabei zu bedenken? Und wie viel darf die Herstellung kosten, damit sich ein Titel rechnet? Diese und viele weitere Fragen standen im Mittelpunkt des zweitägigen „Praxisseminars Buchherstellung“, das der Börsenverein Ende April für Auszubildende des Buchhandels in Berlin und Potsdam veranstaltete.

In der Stadt- und Landesbibliothek der brandenburgischen Hauptstadt entführten Jana Habermann und Katja Brockmann von De Gruyter zunächst in die Welt der „schwarzen Druckkunst“. Die Herstellung nannten sie eine Schlüsselstelle innerhalb des Verlags, an der die Inhalte, der „Content“, in eine passende Form gegossen werden.

Am Anfang steht immer das Wort, und das sucht zunächst mal die geeignete Typografie. Von der Schriftart über den Schriftschnitt bis zur Schriftfamilie: Es gilt manches zu beachten, um für eine gute Lesbarkeit und einen hohen Wiedererkennungswert zu sorgen. De Gruyter hat sich deshalb vom Grafikdesigner Erik Spiekermann eine eigene Schrift entwerfen lassen, außerdem sichert ein „Styleguide Innentypografie“ die einheitliche Gestaltung der Bücher.

Der Berliner Wissenschaftsverlag setzt auf ein sachlich-klares Layout, auch beim Cover: Weniger ist hier mehr, Seriosität steht an erster Stelle. Dass die Gestaltung aber nicht beim gedruckten Buch aufhört, darauf wies Jana Habermann hin. Ein E-Book will mit genauso viel Akribie gesetzt sein, zudem spielt hier die responsive Darstellung auf unterschiedlichen Endgeräten eine wichtige Rolle.

 

 

Wist – Der Literaturladen
Wist – Der Literaturladen

Doch selbst das schönste Buch ist wertlos für einen Verlag, wenn es Verluste einfährt. Deshalb wird schon früh kalkuliert, wie Katja Brockmann berichtete: Wie hoch sollte die Auflage sein und wie hoch der Ladenpreis, damit sich die Herstellung lohnt? Wie aufwendig darf das Buch produziert sein? Wie teuer das Papier, der Einband, die Bindung?

 

Dass es himmelweite Unterschiede gibt zwischen gut gemachten und billig produzierten Büchern, bewies anschließend Felix Palent. „Wist – Der Literaturladen“ nennt sich seine Buchhandlung in der Potsdamer Innenstadt, dem Nachwuchs bot er Einblick in die tägliche Arbeit. Er präsentierte einige abschreckende Beispiele schlecht gemachter Bücher, vor allem aber erlesene Perlen wie „Wahre Monster“ aus dem Verlag Matthes & Seitz, ein beeindruckendes Fachbuch mit flexiblem Einband aus messingfarbenem Leinen, goldenen Textpassagen und blauschwarzem Kopfschnitt.

 

 

Denise Sterr
Denise Sterr

Schöne Bücher zu publizieren, das ist seit mehr als 50 Jahren auch der Anspruch des unabhängigen Berliner Verlags Klaus Wagenbach mit Sitz im Bezirk Wilmersdorf. Vor allem die Reihe „Salto“ mit ihrem markanten Hochformat, dem leuchtend roten Leineneinband und per Hand aufgetragenem Schildchen ist längst zum Markenzeichen jenes Verlags geworden, der einst Autoren aus beiden deutschen Staaten veröffentlichte und den seit jeher auch der Schwerpunkt Italien auszeichnet.

 

Für die Herstellung ist bei Wagenbach Denise Sterr verantwortlich. Im Rahmen des Praxisseminars sprach sie über Fadenheftung und Folienprägung, Kapitalband und Lesebändchen und erzählte, dass manches Buch erst beim Nachdruck einen Gewinn abwirft, wenn Lizenzen und Honorare schon gezahlt sind und nur noch die Druckkosten anfallen. Für Wagenbach kein großes Problem, denn Verlegerin Susanne Schüssler begnügt sich mit einem kostendeckenden Arbeiten.

 

Laut Herstellerin Denise Sterr geht der Trend zu Automatisierung und Standardisierung, um Kosten zu sparen. Das heißt: eine Verlagsgruppe, ein Buchformat und Druckereien in Niedriglohnländern. „Wagenbach will da nicht mitmachen“, so Sterr. Man setze weiterhin auf hochwertig produzierte Bücher sowie auf zwei süddeutsche Druckereien, mit denen man seit Jahrzehnten vertrauensvoll zusammenarbeite.

 

Der Weg der Auszubildenden führte allerdings nach Schöneberg, zur Buch- und Offsetdruckerei H. Heenemann. Das 1906 gegründete Familienunternehmen beschäftigt heute rund 90 Mitarbeiter, die heimlichen Stars heißen aber HP Indigo 10000 und 12000. Die beiden imposanten Digitaldruckmaschinen ermöglichen es, große Formate wie Kalender auch in geringen Auflagen und mit bis zu sieben Farben zu drucken, wie Torben Pedersen und Andreas Kerer beim Rundgang durchs Werk erklärten.

Druckerei Heenemann
Druckerei Heenemann

Seit 2013 wird bei Heenemann digital gedruckt, doch auch die klassischen Verfahren Hochdruck, Tiefdruck, Flachdruck und Durchdruck finden nach wie vor ihre Anwendung. Während sich etwa der Tiefdruck für große Auflagen von Katalogen oder Zeitschriften eignet, lässt sich per Durchdruck (besser bekannt als Siebdruck) fast jede Oberfläche verschönern, vom T-Shirt bis zur Kaffeetasse.

 

Den Standard bildet nach wie vor der Flach- oder auch Offsetdruck, bei dem chemische Prozesse bestimmen, an welchen Stellen der Druckplatten Farbe hängenbleibt und an welchen nicht. Schnell und präzise sei dieses Verfahren, erklärte Andreas Kerer, und die Auszubildenden durften das gleich kontrollieren: Wer mit dem Fadenzähler über einen der Druckbögen fuhr, konnte jeden einzelnen Rasterpunkt erkennen.

 

Nachdem in den Produktionshallen von Heenemann lautstark Papierrollen über Walzen geschossen waren, führte der letzte Programmpunkt des Seminars an einen ungleich ruhigeren Ort, das Kreuzberger Tonstudio speak low. In schallisolierten Kabinen werden hier Wörter und Pausen gleichermaßen sorgsam gesetzt, jedes störende Knistern, jeder unnatürliche Atemzug verschwindet beim „Cleaning“ in der Postproduktion aus der Aufnahme.

 

Geschäftsführer Harald Krewer stellte das Modell seines Unternehmens vor, das zum einen „an den Rändern des Hörbuchmarktes“ eigene Produktionen mit zumeist professionellen Schauspielern und hohem literarischen Anspruch aufnimmt und zum anderen als Dienstleister für Auftragsarbeiten agiert. Krewer sprach über die mitunter sehr feinen Unterschiede zwischen Hörbuch und Hörspiel, Herausforderungen bei der Arbeit mit unerfahrenen Sprechern sowie die schwierige Marktsituation zwischen Downloadportalen und Streamingdiensten.

 

 

Speaklow
Speaklow

Am Ende stand ein echtes Highlight: Die Auszubildenden durften in die brandneue Hörbuchfassung des Romans „Hundert Jahre Einsamkeit“ von Gabriel García Márquez hineinhören – noch vor dem auftraggebenden Verlag. Eine Weltpremiere also als Abrundung von zwei Tagen, die eindrucksvoll bewiesen, wie vielfältig die Herstellung von (Hör-)Büchern sein kann.

 

Kaspar Heinrich

Buchhandelsklasse 2641